Es regnete in Strömen an diesem Morgen in der Stadt. Schwarze Wolken hingen am Himmel, Donner grollte, und Blitze zuckten. Quinn starrte gedankenverloren auf das Wasser, das an der Glasfassade von oben nach unten herabrann.
Es war erst sieben Uhr, doch sie hatte schon eine Menge geschafft, darunter fünf Stockwerke gewischt. Jetzt reinigte sie die Eingangshalle, hatte aber kurz innegehalten, um den trüben Anblick draußen zu betrachten.
„Puh, bin ich müde", murmelte sie und tauchte den Wischmopp in das Wasser, das längst schmutzig geworden war.
Tapp, tapp, tapp …
Gerade hatte sie den Flur gewischt, der so groß war wie ein halbes Fußballfeld, da kam ein Mann durch die automatische Tür auf den Aufzug zugerannt. Und nicht nur das: An seinen Schuhen klebte jede Menge Schlamm, der Spuren auf dem Boden hinterließ.
Instinktiv rief Quinn wütend: „Stehen bleiben!" Ihre Stimme überschlug sich fast. Der ungepflegt aussehende Mann, der gerade in den Aufzug steigen wollte, hielt inne.
„Meinen Sie mich?", fragte er.
„Ja, genau Sie!" Quinn ging auf ihn zu.
„Da, sehen Sie!", fuhr sie ihn an und zeigte auf die schmutzigen Schuhabdrücke hinter ihm.
„Ja, ich sehe sie. Und was ist das Problem?", gab der Mann schroff zurück.
„Wie bitte? Sie fragen mich, was das Problem ist?"
„Wissen Sie eigentlich, dass ich gerade die ganze Eingangshalle gewischt habe? Mein Schweiß ist noch nicht einmal getrocknet, und Sie machen den Boden schon wieder dreckig? Haben Sie denn kein Gefühl? Hätten Sie nicht die Schuhe ausziehen können, bevor Sie hereinkommen? Und wie Sie aussehen, du meine Güte! Wie ein Penner. Wie lange haben Sie schon nicht mehr geduscht?" Quinn wich ein paar Schritte zurück, als ihr der Geruch entgegenschlug, der von ihm ausging.
Reflexartig hob Sean die Arme und roch an seinen Achseln, um sicherzugehen, dass er nicht so stank, wie das seltsame Mädchen vor ihm behauptete.
„Sind Sie fertig? Dann gehen Sie mir jetzt aus dem Weg. Ich will in den Aufzug!"
„Kommt gar nicht infrage! Dafür müssen Sie die Verantwortung übernehmen. Schauen Sie sich das Chaos an, das Sie angerichtet haben!" Quinn ließ sich nicht einschüchtern.
„Was soll das heißen?" Sean kratzte sich im Nacken.
Er verstand nicht, wie es Angestellte geben konnte, die ihn nicht kannten. Lag es daran, dass er noch nicht zum Vorstandsvorsitzenden ernannt worden war und viele einfache Mitarbeiter deshalb nicht wussten, wer er war?
„Hier!" Quinn drückte Sean den Wischmopp in die Hand.
„Sie übernehmen jetzt die Verantwortung! Machen Sie sauber, was Sie angerichtet haben!"
„Auf keinen Fall! Sie sollten mir nicht meine Zeit stehlen, ich muss in mein Büro!"
„Ach, Sie wollen also vor mir davonlaufen?", sagte Quinn. Das Mädchen ließ sich nicht beirren und zwang den 1,83 Meter großen Mann furchtlos dazu, den Boden zu wischen.
„Wer sind Sie überhaupt? Wie können Sie es wagen, mir Befehle zu erteilen?!" Sean war fassungslos.
„Ich bin tatsächlich neu hier. Aber das heißt nicht, dass Sie mich schikanieren dürfen!" Sie presste die Lippen zusammen, und ihre zierliche Gestalt wirkte dabei geradezu niedlich.
„Herr Sean, entschuldigen Sie die Verspätung." Clara rückte ihre Brille zurecht und lief direkt auf den Mann zu, der noch immer mit der Putzfrau stritt.
„Du bist nicht zu spät, Clara. Du kommst genau richtig."
„Kennst du sie?", fragte Sean Clara und deutete mit dem Kinn auf Quinn.
„Nein. Ist sie eine neue Mitarbeiterin?" Clara musterte Quinn von Kopf bis Fuß.
„Ja, gnädige Frau, ich bin tatsächlich neu hier", antwortete Quinn nüchtern.
„Was ist denn hier los? Herr Sean, warum halten Sie einen Wischmopp in der Hand?" Clara runzelte neugierig die Stirn.
„Dieses Mädchen hat mir befohlen, die Sauerei wegzumachen!" Sean zeigte auf die Schlammspuren am Boden.
„Erklär ihr bitte, wer ich bin", befahl er.
„Hey, wie heißen Sie?"
„Ich heiße Quinn, Quinn Russell."
„Quinn, wissen Sie, wer dieser Mann ist?"
Quinn schüttelte natürlich nur den Kopf. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann war. Der sah sie nun voller Ärger an.
„Nein! Ich kenne ihn nicht."
„Quinn, das ist der Sohn des Firmeninhabers! Herr Sean Osbert junior!", rief Clara laut.
Als Quinn Claras Worte hörte, wurde sie schlagartig leichenblass. Der Mann mit dem verwahrlosten Aussehen und den schlammigen Schuhen war der Sohn des Inhabers der Firma, bei der sie arbeitete!
Quinn hielt die Luft an. Am liebsten wäre sie im Boden versunken oder einfach verschwunden, so peinlich war ihr das Ganze. Sie wusste nicht, wo sie hinschauen sollte. Es war nicht nur unangenehm: Dieser Vorfall konnte sie schon am ersten Arbeitstag ihre Stelle kosten.
„Warum sagen Sie nichts mehr, Quinn? Wollen Sie mir etwa immer noch befehlen, den Boden zu wischen?", fragte Sean mit knirschenden Zähnen.
„I… ich …" Quinn wollte antworten, doch der Mut verließ sie auf der Stelle.
„Hier, nehmen Sie das und machen Sie den Boden schnell sauber!", brüllte Sean wütend.
„Und dann kommen Sie in mein Büro im 29. Stock!"
Sean, der ohnehin schlechte Laune hatte, konnte seinen Zorn nicht länger zügeln.
„H… Herr Osbert, werden Sie mich entlassen?", stammelte Quinn.
Sean, der schon einen Fuß in den Aufzug gesetzt hatte, hielt abrupt inne.
„Kommt darauf an!", erwiderte er mit einem Grinsen.
„Clara, du kommst mit!", befahl er Clara, die noch zum Aufzug starrte. Die Frau im violetten Kleid eilte ihrem Chef sofort hinterher.